WERDENBERGER & OBERTOGGENBURGER | DONNERSTAG, 8. MAI 2008

 

Vom Weltvertrauen zum Selbstvertrauen

Der Psychologe, Entwicklungsbegleiter und Vater Philip E. Jacobsen sprach bei der Elternbildung Werdenberg zum Thema «Freiräume schaffen» aus der schweizweiten Kampagne «Stark durch Erziehung».

 

Buchs. – Freiraum sei Raum, um sich zur Freiheit zu entwickeln, führte Jacobsen aus. Freiraum schaffen heisse, das Richtige zu seiner Zeit zu ermöglichen. Alle Einflüsse, die nicht altersgerecht seien, würden Entwicklungsfreiraum verhindern. Kinder und Jugendliche bräuchten unterschiedliche Freiräume in unterschiedlichem Alter. Impulsierend für die menschliche individuelle Entwicklung sei die Entwicklung von Denken, Fühlen und Wollen. Diese bilde beim Vorschulkind noch eine Einheit. Es sei einerseits für alle Sinneseindrücke offen und andererseits ein reines unbewusstes Willenswesen. Alles Wahrgenommene gehe direkt in den Leib, ohne gedankliche Verarbeitung, und führe direkt zu einer Handlung. Es lebe ganz in der Einheit mit der Welt, im Paradies. Sein Da-Sein müsse ständig bestätigt, aber auch ritualisiert werden, wodurch es das Weltvertrauen entwickle. Freiraum für das Vorschulkind sei die schützende und wärmende Umhüllung durch liebevolle Erwachsene in einer kindgemässen natürlichen Umgebung.

 

Freiraum im Schulalter

Schulreife bedeute, dass sich das Denken von Fühlen und Wollen trenne und emanzipiere, meinte Jacobsen. Es könne sein Denken selber führen, eigene Vorstellungen entwickeln und sich damit zunehmend gegen die Welt abgrenzen. Eigene Gewohnheiten und Fähigkeiten würden gebildet. Es brauche konstante, ermutigende Anerkennung und Förderung seiner Stärken. Durch die Verlässlichkeit der Menschen als liebevolle Autorität entwickle es das Weltvertrauen weiter zum Menschenvertrauen. Freiraum für das Schulkind sei Anerkennung und Förderung seiner Besonderheit durch die Autorität, sei rhythmisch übende Bildung guter Gewohnheiten und Entwicklung individueller Fähigkeiten durch klare und bestimmte Ordnung.

 

Freiraum im Jugendlichenalter

Jacobsen zeigte auf, wie Jugendliche mit der Pubertät die Erdenreife erlangten, leiblich die Geschlechtsreife, seelisch die Gefühlsreife und geistig die Verstandesreife. Das Fühlen,Wollen und Denken sei selbständig geworden und Jugendliche würden damit die eigene Urteilsfähigkeit erlangen. Sie würden tüchtige, fachlich und menschlich kompetente Erwachsene brauchen, die ihre eigenen Ideale lebten. Sie wollen als gleichwertig anerkannt werden. Alles müsse nun aus Einsicht geschehen, damit das eigene moralische Urteil, das eigene Verantwortungs- und Pflichtgefühl wachsen könne. Freiraum für Jugendliche sei wie Freiraum für Erwachsene, wo alles ohne Bevormundung auf Einsicht beruhe, wo es Raum für Fehler und Erfahrung gebe. Daraus könne sich das Selbstvertrauen entwickeln.

Freiraum schaffen heisse altersgemässen Entwicklungsraum schaffen, heisse die Bedingungen schaffen, in denen das Kind sich selber erziehen könne, seiner Individualität gemäss. Für Eltern heisse dies, sich vom Kind führen zu lassen. Freiräume schaffen gehe vom Grundsatz aus: «Ich kann niemanden zu etwas zwingen, was er nicht will, aber auch niemand kann mich zu etwas zwingen, was ich nicht will.» Es sei ebenso wichtig, sich als Elternpaar Freiräume zu schaffen, periodisch ein eigenes Leben als Paar ohne Kinder zu pflegen. (haro)